Open Source lebt von Menschen und warum viele Open-Source-Projekte vor derselben Herausforderung stehen
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Viele Open-Source-Projekte stehen heute vor einer ähnlichen Herausforderung: Die Erwartungen an Software wachsen kontinuierlich, während die Gemeinschaften, die diese Projekte tragen, oft mit begrenzten Ressourcen arbeiten.
Wenn über Open Source gesprochen wird, entsteht oft ein Missverständnis: Open Source bedeutet nicht automatisch Freiwilligenarbeit. Es bedeutet zunächst, dass der Quellcode offen zugänglich ist und von anderen eingesehen, verändert und weiterentwickelt werden kann. Wer diese Arbeit leistet und wer sie finanziert, ist eine andere Frage. Manche Projekte werden von Unternehmen getragen, andere leben vom Engagement Freiwilliger. Joomla gehört seit über 20 Jahren zur zweiten Gruppe. Hinter jeder Zeile Code, jedem Update und jeder Lösung stehen Menschen, die ihre Zeit, ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: ein ausgereiftes, sicheres und leistungsfähiges System, an das längst die Erwartungen eines professionellen Produkts gestellt werden – Sicherheit, Barrierefreiheit, Stabilität und kontinuierliche Weiterentwicklung.
Die Struktur dahinter ist eine Gemeinschaft von Menschen, die freiwillig Verantwortung übernehmen. Genau diese Balance zwischen steigenden Erwartungen und begrenzten Ressourcen wird jedoch zunehmend schwieriger aufrechtzuerhalten.
Bild: KI
Was ich der Joomla Community verdanke
Dieser Text entsteht nicht aus Verbitterung, sondern aus Dankbarkeit.
Vieles, was ich über Joomla und Open Source gelernt habe, verdanke ich Menschen aus der Community. Sie haben ihr Wissen geteilt, Fragen beantwortet und gezeigt, welche Kraft entsteht, wenn Menschen gemeinsam an einem Ziel arbeiten. Open Source lebt davon, dass Wissen nicht weniger wird, wenn man es teilt. Im Gegenteil: Es wächst, weil andere darauf aufbauen und neue Ideen entwickeln können. Eine starke Community braucht dabei beides: Menschen mit Erfahrung, die Geschichte und Zusammenhänge kennen, und neue Mitglieder, die frische Perspektiven und neue Impulse mitbringen. Diese Vielfalt ist eine große Stärke. Gleichzeitig macht sie Entscheidungen anspruchsvoller, denn unterschiedliche Erfahrungen, technische Hintergründe und Erwartungen müssen zusammengeführt werden.
Ein Beispiel dafür ist die Weiterentwicklung der Joomla-Webseite. Dass Prozesse dort manchmal länger dauern, liegt selten an fehlendem Engagement. Vielmehr treffen technische, gestalterische, organisatorische und kommunikative Perspektiven aufeinander. Alle verfolgen dasselbe Ziel – sie betrachten den Weg dorthin jedoch aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Es braucht Zeit, diese Perspektiven zu verstehen. Und genau diese Zeit ist in einer ehrenamtlich getragenen Gemeinschaft oft knapp. Unter Druck fällt es uns allen schwerer, offen für andere Sichtweisen zu bleiben.
Gerade deshalb lohnt es sich, über diese Herausforderungen ehrlich zu sprechen.
Belastungsgrenzen in Open-Source-Projekten:
Wenn Druck zu Erschöpfung führt
Die Anforderungen an Open-Source-Projekte sind in den letzten Jahren stetig gewachsen. Sicherheitslücken müssen schnell geschlossen, neue Technologien integriert und steigende Erwartungen der Nutzer erfüllt werden. Künstliche Intelligenz wirkt dabei wie ein Turbo und beschleunigt diese Entwicklung zusätzlich. Das gilt für große Projekte wie Joomla, Drupal oder TYPO3 genauso wie für die vielen kleinen Bibliotheken, auf denen das gesamte Web aufbaut.
Dass Joomla diesen Anforderungen seit vielen Jahren gerecht wird, ist eine beeindruckende Leistung der Community. Menschen übernehmen zusätzliche Aufgaben, springen füreinander ein und schließen Lücken. In anderen Projekten sieht es genauso aus.
Doch auch Engagement hat Grenzen.
Wenn dauerhaft mehr Aufgaben vorhanden sind als Zeit und Energie, entsteht Überlastung. Und Überlastung sucht sich oft ein Ventil. Der Frust richtet sich dann nicht gegen die eigentlichen Ursachen, sondern gegen Menschen: gegen die Kollegin, deren Beitrag sich verzögert, oder den Kollegen, der eine andere Entscheidung getroffen hätte. Dabei stehen häufig alle Beteiligten unter demselben Druck. Solche Konflikte wirken auf den ersten Blick wie Meinungsverschiedenheiten über Technik oder Organisation. Aus meiner Erfahrung steckt dahinter oft Erschöpfung.
Das ist kein spezielles Joomla-Problem. Derselbe Mechanismus zeigt sich in fast jedem Open-Source-Projekt, und ebenso in Unternehmen, Vereinen und anderen Gemeinschaften, wenn dauerhaft mehr erwartet wird, als Menschen leisten können. Ich habe solche Situationen selbst erlebt. Deshalb glaube ich, dass hinter den meisten Spannungen keine schlechten Absichten stehen, sondern Menschen, die sehr viel geben und irgendwann an ihre Grenzen kommen.
Sagen zu können: „Diese Aufgabe ist mir gerade zu viel", ist keine Schwäche. Es ist ein wichtiger Beitrag dazu, eine Gemeinschaft langfristig gesund zu halten.
Überlastung beeinflusst nicht nur die tägliche Arbeit, sondern auch die Zukunft eines Projekts. Wenn fast alle Energie in Wartung, Fehlerbehebung und dringende Aufgaben fließt, bleibt immer weniger Raum für Innovation und neue Ideen.
Jedes Open-Source-Projekt braucht Menschen, die Bestehendes zuverlässig erhalten. Gleichzeitig braucht es Freiräume für diejenigen, die Neues entwickeln, experimentieren und Zukunft gestalten möchten. Joomla ist da keine Ausnahme. Eine Community lebt nicht allein davon, Probleme zu lösen. Sie lebt davon, gemeinsam neue Möglichkeiten zu entdecken.
Onboarding & Marketing:
Wie wir neue Mitglieder für Joomla gewinnen
Eine Community kann langfristig nur wachsen, wenn immer wieder neue Menschen dazukommen. Doch genau das ist eine der größten Herausforderungen.
Neue Mitwirkende brauchen Orientierung, Ansprechpartner und Zeit, um die Strukturen und Arbeitsweisen kennenzulernen. Dieses Onboarding ist keine Nebensache, sondern eine Investition in die Zukunft der Community. Gleichzeitig sind es oft dieselben Menschen, die bereits für Entwicklung, Organisation und Support verantwortlich sind und zusätzlich neue Freiwillige begleiten sollen.
Ähnlich verhält es sich mit Öffentlichkeitsarbeit und Marketing. Joomla hat viel zu bieten, technisch ebenso wie als Gemeinschaft. Doch darüber muss auch gesprochen werden. Menschen können sich nur engagieren, wenn sie überhaupt erfahren, dass ihre Unterstützung gebraucht wird und welche Möglichkeiten es gibt, sich einzubringen.
Gerade diese Aufgaben bleiben jedoch häufig liegen, weil sie selten dringend erscheinen. Ein Sicherheitsupdate hat verständlicherweise Vorrang vor einer Kampagne oder einem Einsteigerleitfaden. Langfristig entsteht dadurch ein Kreislauf: Es fehlen neue Mitwirkende, wodurch die vorhandenen Ehrenamtlichen noch stärker belastet werden. Für Onboarding, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing bleibt dadurch wiederum noch weniger Zeit.
Diesen Kreislauf zu durchbrechen, gehört aus meiner Sicht zu den wichtigsten Aufgaben für die Zukunft. Denn eine Community wächst nicht von allein – sie braucht Menschen, die andere willkommen heißen, Wissen weitergeben und zeigen, warum es sich lohnt, Teil dieser Gemeinschaft zu werden.
Verantwortung gemeinsam tragen
Die Community bleibt das Fundament von Joomla. Langfristig sollte diese Verantwortung jedoch nicht allein auf den Schultern der Menschen liegen, die ihre Freizeit investieren.
Unternehmen, Agenturen und öffentliche Einrichtungen, die Joomla nutzen und von seiner Qualität profitieren, können diese Gemeinschaft aktiv unterstützen – durch Entwicklungszeit, Fachwissen, finanzielle Beiträge oder die Mitarbeit ihrer Beschäftigten.
Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass jeder Beitrag zählt. Nicht nur Entwicklerinnen und Entwickler gestalten Joomla. Dokumentation, Übersetzungen, Tests, Design, Kommunikation, Organisation, Support, Mentoring, Öffentlichkeitsarbeit und das Begleiten neuer Mitwirkender sind genauso unverzichtbar.
Nicht jede und jeder muss programmieren, um Joomla voranzubringen. Eine starke Community entsteht gerade dadurch, dass Menschen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten einbringen. Wer aktiv werden möchte, findet viele Möglichkeiten: Code entwickeln, testen, dokumentieren, übersetzen, gestalten, organisieren, Fragen beantworten, Veranstaltungen unterstützen oder neue Mitwirkende begleiten.
Auch Unternehmen können einen wichtigen Beitrag leisten – indem sie Mitarbeitenden Zeit für Community-Arbeit ermöglichen oder Projekte finanziell und organisatorisch unterstützen.
Offene Software schafft einen großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen. Digitale Unabhängigkeit sollte deshalb nicht dauerhaft darauf beruhen, dass wenige Freiwillige immer mehr Verantwortung übernehmen.
Je mehr Menschen Verantwortung mittragen, desto widerstandsfähiger wird die Gemeinschaft.
Fehlerkultur & Zusammenarbeit
Vielleicht besteht eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft nicht nur darin, neue Strukturen zu schaffen, sondern auch darin, unsere Zusammenarbeit weiterzuentwickeln.
Eine starke Community entsteht dort, wo Menschen offen sagen können, wenn etwas zu viel wird – ohne befürchten zu müssen, dafür bewertet zu werden. Wünsche, Sorgen und Überforderung sollten genauso ihren Platz haben wie neue Ideen und technische Innovationen.
Fehler gehören zu jeder Entwicklung. Niemand weiß alles, niemand kann alles allein. Wenn etwas nicht funktioniert oder jemand Unterstützung braucht, sollte unsere erste Reaktion nicht sein: „Wer ist verantwortlich?“, sondern: „Wie können wir gemeinsam eine Lösung finden?“
Vielleicht lohnt es sich, als Community häufiger Fragen zu stellen:
- Wie schaffen wir eine Kultur, in der Überlastung offen angesprochen werden kann?
- Wie können wir neue Mitwirkende besser begleiten und einbinden?
- Welche Aufgaben lassen sich auf mehr Schultern verteilen?
- Wie können Unternehmen und Organisationen, die Joomla nutzen, die Gemeinschaft noch stärker unterstützen?
- Wie machen wir Joomla und die Community sichtbarer, damit mehr Menschen den Weg zu uns finden?
Nicht jede Antwort wird sofort gefunden werden. Aber jedes offene Gespräch bringt uns weiter. Denn eine Community wächst nicht nur durch Code, sondern vor allem durch Vertrauen, gegenseitige Unterstützung und den Willen, gemeinsam zu lernen.
Feedbackkultur & Wertschätzung:
Motivation im Ehrenamt erhalten
Zu einer gesunden Zusammenarbeit gehört auch eine gute Feedbackkultur. In einer ehrenamtlichen Community fehlt dafür jedoch oft die Zeit. Wer viele Aufgaben gleichzeitig übernimmt, konzentriert sich verständlicherweise auf das Nächste, das erledigt werden muss. Rückmeldungen bleiben aus selbst dann, wenn jemand gute Arbeit geleistet hat.
Dabei ist Feedback weit mehr als der Hinweis auf Verbesserungsmöglichkeiten. Genauso wichtig ist es, Wertschätzung auszudrücken. Ein ehrliches „Danke“, ein „Das hast du gut gelöst“ oder die Rückmeldung, dass eine Idee geholfen hat, kostet oft nur wenige Minuten. Für die Person, die viele Stunden investiert hat, kann es jedoch einen großen Unterschied machen.
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor:
Jemand bringt eine neue Idee in die Community ein. Vielleicht einen Vorschlag für ein besseres Onboarding, vielleicht ein Konzept für eine neue Funktion. Die Idee wird kurz zur Kenntnis genommen, dann passiert nichts mehr. Nicht aus bösem Willen, sondern weil niemand die Kapazität hat, sich wirklich damit zu beschäftigen. Für die Person, die diese Idee entwickelt hat, fühlt sich das an wie ein Lauf ins Leere. Beim ersten Mal steckt man das weg. Beim dritten Mal fragt man sich, warum man sich überhaupt noch die Mühe macht.
Dabei wäre es so einfach, ehrlich zu antworten: „Das klingt interessant. Aber ich habe im Moment leider keine Kapazität, mich näher damit zu beschäftigen." Diese eine Rückmeldung kostet weniger als eine Minute. Sie nimmt der Idee nichts, aber sie gibt der Person etwas Wichtiges zurück: die Gewissheit, gehört worden zu sein. Schweigen dagegen lässt alle Deutungen offen, und selten wählen wir die freundlichste.
Menschen bleiben selten wegen eines einzelnen Projekts engagiert. Sie bleiben, weil sie sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen und erleben, dass ihr Einsatz gesehen wird. Vielleicht sollten wir uns deshalb häufiger fragen: Haben wir heute nur über Probleme gesprochen –oder auch darüber, was gut funktioniert hat? Eine Kultur der Anerkennung ersetzt keine konstruktive Kritik, aber sie schafft Vertrauen und Motivation. Gerade in einer Gemeinschaft, die von freiwilligem Engagement lebt, ist beides gleichermaßen wichtig.
Ein persönlicher Gedanke zum Schluss
Wenn ich auf meine Joomla-Jahre zurückblicke, bin ich vor allem dankbar – für die Menschen, die dieses Projekt aufgebaut haben, und für alle, die ihr Wissen, ihre Zeit und ihre Erfahrung mit anderen geteilt haben.
Eine Erkenntnis ist mir dabei besonders wichtig geworden:
Der eigentliche Gegner ist nicht der Mensch, der neben uns arbeitet. Der eigentliche Gegner ist die Überlastung, die entsteht, wenn immer mehr Aufgaben auf immer weniger Schultern verteilt werden.
Vielleicht beginnt die Zukunft von Joomla nicht mit einer großen Entscheidung, sondern mit vielen kleinen Schritten: einer beantworteten Frage im Forum, einem korrigierten Dokumentationsabschnitt, einem getesteten Update, einer Stunde Entwicklungszeit, einem Beitrag zur Öffentlichkeitsarbeit oder einem offenen Gespräch über Herausforderungen.
Jede Form der Beteiligung stärkt die Gemeinschaft. Denn Open Source lebt nicht davon, dass wenige alles leisten, sondern davon, dass viele das beitragen, was sie können.
Vielleicht verändert sich unsere Zusammenarbeit schon durch einen kleinen Perspektivwechsel. Statt zu fragen: „Wer hat etwas nicht geschafft?“, könnten wir häufiger fragen: „Was brauchen wir, damit wir es gemeinsam schaffen?“ Die Zukunft von Joomla entscheidet sich nicht allein im Code. Sie entscheidet sich in der Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir Verantwortung teilen, wie wir neue Menschen willkommen heißen und wie wir gemeinsam dafür sorgen, dass aus Interessierten langfristig Mitwirkende werden. Denn die größte Stärke von Joomla war nie nur die Software. Es waren und sind die Menschen, die sie möglich machen.
Und trotz aller Herausforderungen hat Joomla in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht, sei es bei Sicherheit, Barrierefreiheit oder der Modernisierung des CMS. Gerade deshalb lohnt es sich, über die Rahmenbedingungen zu sprechen, unter denen diese Arbeit entsteht.