Joomla! Open Source im im Wandel ?
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Als Joomla! entstand, hatten wir eine Mission. Wir wollten den großen Plattformen, den geschlossenen Systemen und der wachsenden Abhängigkeit von wenigen Konzernen etwas entgegensetzen. Hinter dieser Idee stand für mich ganz persönlich zusätzlich der Wunsch, ein System zu schaffen, das für alle Menschen nutzbar ist. Nicht nur für Entwicklerinnen und Entwickler. Nicht nur für Unternehmen mit Budget. Für alle: barrierefrei, zugänglich und unabhängig.
KI, Angie & Tenniel
Dieser Antrieb trägt das Projekt bis heute. Doch die Welt um uns herum hat sich verändert. Laut dem Digital 2026 Global Overview Report von Meltwater und We Are Social sind aktuell 6,04 Milliarden Menschen online, das entspricht 73 Prozent der Weltbevölkerung. Der Druck auf Open-Source-Systeme wie Joomla! ist dabei nicht linear gewachsen – er ist explodiert. Was früher Jahre dauerte, geschieht heute in Monaten. Künstliche Intelligenz hat diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt – nicht schrittweise, sondern sprunghaft.
Joomla steht heute an einem Wendepunkt. Nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch. Und beides ist letztlich eine Frage der Haltung.
Das Freiwilligenmodell stößt an seine Grenzen
Joomla ist, im Gegensatz zu vielen anderen Open-Source-Projekten, noch immer ein Freiwilligenprojekt. Es gibt kein Unternehmen, das die Richtung vorgibt. Keine Stiftung, die Gehälter zahlt. Keine Investoren, die Rendite erwarten. Nur Menschen, die ihre Zeit geben, weil sie an die Idee glauben.
Das ist eine große Stärke. Doch es wird zunehmend zur Bürde.
Die Community ist kleiner geworden. Die Verbliebenen tragen mehr Verantwortung, während neue Mitwirkende nur schwer den Einstieg finden. Warum ist das so? Eine einfache Antwort gibt es nicht.
- Geld: Viele Menschen können es sich schlicht nicht leisten, unbezahlte Zeit in Open Source zu investieren. Finanzielle Verpflichtungen und familiäre Verantwortung lassen dafür kaum Raum. Was früher nebenberuflich möglich war, kollidiert heute mit der Geschwindigkeit und den Anforderungen des Alltags.
- Überbelasung: Die Last verteilt sich ungleich. Wenige Freiwillige tragen einen Großteil der Arbeit, während Millionen Nutzerinnen und Nutzer davon profitieren. Auf Dauer führt das unweigerlich zu Erschöpfung und Rückzug.
- Deutsches Steuerrecht: Es fehlt an rechtlichem Rückhalt. Open-Source-Engagement wird in Deutschland steuer- und förderrechtlich nicht als Ehrenamt anerkannt – obwohl hier Leistungen erbracht werden, die Unternehmen sonst teuer einkaufen müssten. Engagement im Sportverein wird gefördert, die Pflege digitaler Infrastruktur hingegen nicht.
- Hohe Verantwortung: Die Komplexität wächst stetig. Joomla zu betreiben bedeutet Verantwortung zu tragen für ein System, das für viele zur Existenzgrundlage geworden ist.
Aus all diesen Gründen kann ein rein freiwilligengetriebenes Modell an seine Grenzen stoßen. Nicht weil es an Willen oder Kompetenz fehlt, sondern an Zeit.
Gleichzeitig sind die Anforderungen an moderne Systeme sprunghaft gestiegen. Künstliche Intelligenz verstärkt diesen Trend zusätzlich. Wer abends zwei Stunden an Joomla arbeitet, kann Fehler beheben, Erweiterungen pflegen oder Dokumentation schreiben. Aber niemand kann nebenbei eine KI-Strategie entwickeln, eine neue Architektur entwerfen und gleichzeitig die Community mitnehmen – während sich die technologischen Rahmenbedingungen ständig weiter verschieben.
Deshalb eine neue Organisationsform?
Der Kern von Joomla! bleibt unangetastet: quelloffen, gemeinschaftlich und unabhängig. Doch die Finanzierung muss neu gedacht werden.
Ein erster konkreter Schritt wären zwei oder drei bezahlte Stellen – nicht für den operativen Betrieb, sondern für die strukturellen Aufgaben, die Freiwillige nicht leisten können. Dazu gehören die Einwerbung von Fördermitteln aus öffentlichen Programmen und Stiftungen, der Aufbau eines professionellen Fundraisings sowie die Entwicklung tragfähiger Finanzierungsmodelle, etwa durch Abonnements für erweiterte Dienste, Support oder KI-gestützte Funktionen.
Ebenso wichtig ist die organisatorische Entlastung: Koordination, Kommunikation und strategische Planung müssen verlässlich getragen werden. Eine dieser Stellen sollte gezielt dem Community-Management gewidmet sein – mit dem klaren Auftrag, neue Mitwirkende zu gewinnen, bestehende zu unterstützen und die Gemeinschaft aktiv weiterzuentwickeln.
Andere Open-Source-Projekte sind diesen Weg bereits gegangen: Linux, WordPress oder Red Hat. Es ist ein schmaler Grat, und nicht jedes Projekt meistert ihn erfolgreich. Doch ich bin überzeugt: Joomla kann es schaffen, wenn die Community diesen Schritt bewusst geht, anstatt darauf zu warten, dass er sich von selbst ergibt.
Ich selbst tue mich schwer damit.
Als Joomla entstand, gab es einen Traum: freie Software für alle. Ohne Geld, ohne Konzerne, ohne Abhängigkeiten. Nur Menschen, die gemeinsam etwas Gutes schaffen. Dieser Traum war stark. Und er hat lange getragen. Doch die Welt hat sich verändert. Und einen solchen Traum loszulassen, fällt schwer. Es fühlt sich irgendwie wie ein Verrat an, auch wenn es keiner ist.
Vielleicht liegt genau darin die Chance. Denn die Nachfrage nach Alternativen wächst. Nach Systemen, denen man vertrauen kann. Nach digitaler Infrastruktur, die nicht von wenigen globalen Konzernen kontrolliert wird. Nach Lösungen, die offen, zugänglich und souverän sind. Genau das kann Joomla sein, wenn es den Mut hat, sich weiterzuentwickeln.
Der ursprüngliche Traum war Unabhängigkeit. Dieser Traum ist nicht verschwunden. Er braucht lediglich eine neue Form.
Kein Projekt mehr, das ausschließlich vom Idealismus lebt, sondern eine Plattform, die Idealismus mit Struktur verbindet. Die zeigt, dass Offenheit und Nachhaltigkeit kein Widerspruch sind. Dass Gemeinschaft und Professionalität sich ergänzen können.
Das ist kein Loslassen. Das ist Weitergehen.