Das Alt- Experiment
Geschrieben von: Angie Radtke in barrierefrei am Jul 02, 2007

Fremde Kinder erzählen Geschichten, im Auto. Auf dem Weg zwischen Hort und Fussballverein. Zurück bleibt Betroffenheit.
Das Experiment
Die Frage nach sinnvollen, aussagekräftigen Alternativtexten für Bilder stellt sich immer wieder. Gerade, wenn es um Bilder geht, die Emotionen vermitteln wird es besonders schwer. Immer wieder hört man Stimmen, die darauf hinweisen, dass es für die visuelle Präsentation in einem solchen Rahmen keine wirkliche Alternative gibt. Ich selbst habe dem oben abgebildeten Bild bewusst keinen Alternativtext mitgegeben. Der Betrachter soll seine eigenen Emotionen unbeeinfusst spüren. Das Bild selbst liegt in zwei Versionen vor: Einmal im Orginal und mit stark betonten Konturen. Die betonten Konturen können sehbehinderten Menschen helfen, das abgebildete Objekt deutlicher wahrzunehmen und ermöglichen vielleicht das Ausdrucken mit einem Brailledrucker (Eva?).
Ich fände es schön, wenn möglichst viele Betrachter das Bild kommentieren würden, um blinden Menschen unterschiedliche Sichtweisen zu eröffenen. Ob das Ganze funktioniert werden wir am Ende sehen.
Das Bild hat eine Geschichte, wie und warum es entstanden ist, werde ich im Anschluss an das Experiment berichten.
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Kommentare
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geschrieben von Marc Haunschild , Juni 13, 2007Für mich sieht das Bild aus, als hätte jemand auf das Photo von einem gelangweilten Kleinkind Kaffee geschüttet…
Die Assoziation mit einem tragischen Hintergrund wird nicht durch das Bild, sondern durch die Texte transportiert.
Von daher ist in diesem speziellen Fall das Foto nicht für das Verständnis nötig, obwohl es in Kombination mit der Überschrift den pessimistischen Gesamteindruck verstärkt (liegt an der schwarz-weiß-rötlichen Farbgebung, weniger am Motiv).
Mein Alternativ-Text würde daher lauten: “Verfremdete schwarz-weiß-Fotografie von einem Kleinkind”
Liebe Grüße und viel Erfolg mit diesem interessanten Experiment,
Marc.
PS: Ich freue mich schon auf das Ergebnis!
Henk
geschrieben von Henk , Juli 03, 2007In a description that explains the picture, it is difficult to not condemn the violator.
‘hurt/scratched/cracked soul’ means somebody or something acted upon the child. More neutral and giving power to the soul that has been damaged, I would say:
‘the drawbacks of building up defense’,
‘being pure and vulnerable’
or ‘pristine fragility’
It is difficult the grab this beautiful, but in a sense shocking, picture in words. Especially when it is not your native tongue.
A picture is everybodys native tongue*.
(* except for the sight-disabled of course).
Erlanger
geschrieben von Erlanger , Juli 03, 2007Alternativtext könnte lauten:
Eine halbseitig blutverschmierte Puppe möchte an verwundete Seelen erinnern!
Ich finde das Experiment sehr sinnvoll,
bin auf das Ergebnis und die Auflösung gespannt.
-erl
Antonio Cambule
geschrieben von Antonio Cambule , Juli 03, 2007Das Gesamtbild zeigt die schwach beleuchtete Profilaufnahme eines Gesichtes einer Puppe in Nahaufnahme und in schwarz-weiß. Die Puppe schaut nach Rechts. Die linke Hälfte des Bildes ist dunkel und strukturiert. Man erkennt nicht genau um was es sich handelt. Es geht in rötliche Flecken und Spritzer über, die sich auf die rechte Gesichtshälfte und etwas über das rechte Auge verteilen.
In meinem inneren Auge sehe ich ein kleines Kind, es ist verletzt und blutet im Gesicht, der Gesichtsausdruck zeigt eine gewisse Teilnahmslosigkeit, ist es vielleicht traumatisiert?
Ich gehe nicht wirklich von einem körperlich verletztem Kind aus. Ich sehe eine Puppe, eine Spielzeug, etwas das Freude bringt. Jetzt blutet dieses Spielzeug. Das Kind ist verletzt, vielleicht misshandelt, vielleicht vernachlässigt, vielleicht missbraucht. Das Bild lässt mich an alles Negative denken, dass man einem Kind antun kann. Ich bin betroffen.
Ich frage ich mich ob ich helfen kann. Was ist passiert? Kann ich etwas tun?
Hagen Graf
geschrieben von Hagen Graf , Juli 03, 2007Hm, was soll ich jetzt sagen.
Das Bild erinnert mich an so Fernsehspots wie “Der siebte Sinn” in denen es um überfahrene Kinder geht. (Ich habe seit mehr als 10 Jahren keinen Fernseher mehr aber das kam mir prompt in den Sinn).
Ansonsten erinnert es mich an irgendwelche Gutmenschen Kampagnen gegen Kinderporno und Gewalt an Kindern.
So grundsätzlich finde ich, das es wichtig ist, so ein Bild “Einmal” im Leben, am besten live, gesehen zu haben. Danach ist es nicht mehr notwendig. Ich war als Zivildienstleistender 20 Monate Krankenwagenfahrer und mein Bedarf an solchen Bildern ist definitiv gedeckt :-)
Bilder werden seit Jahren benutzt um Menschen zu verführen. Ich bin da mittlerweile sehr vorsichtig und halte nicht viel von solchen Fotos. Ich glaube allerdings, dass es als “Hingucker” hervorragend funktionieren. Ein Bezug zum begleitenden Text ist oft nicht wirklich gegeben (siehe Spendenaufrufe)
Nils Pooker
geschrieben von Nils Pooker , Juli 03, 2007Hallo Angie,
Dein Experiment geht von der Tatsache aus, das Assoziationen zu einem Bildinhalt eine allgemeingültige Aussage zulassen könnten, eine Sprache also, die von allen verstanden wird.
Ich komme ja aus dem künstlerisch-bildnerischen Bereich und habe mich beruflich und privat lange und sehr intensiv mit den wahrnehmungspsychologischen Aspekten und Hintergründen zur Funktion von Bildern befasst. Du siehst bereits an den wenigen Kommentaren die unterschiedlichen Auffassungen und Assoziationen. Ganz einfach gesagt, entsteht ein Bild zuerst im Kopf, indem es mit etwas verglichen wird, was man kennt. Ein Mensch oder Volk, dass z. B. kein Pferd kennt, wird den Reiter als unbekanntes Wesen empfinden, so entstand z. B. die mythologische Figur des Zentaur/Kentaur, ein Mischwesen aus Mensch und Pferd. Dieses Problem ist nicht nur eng mit den Assoziationen in der gegenstandslosen und abstakten Kunst verbunden. Wenn man nicht weiss, was ein spielender kleiner Hund auf einem Gruppenbild mit Frau und Mann des 17. Jahrhunderts bedeutet, wird nicht darauf kommen, dass es sich mit Sicherheit um eine Freudenhaus-Szene handelt.
Du wünscht Dir wie viele bildende Künstler sozusagen den “unschuldigen Blick für die Wahrheit”, aber das ist leider unmöglich. Möglich ist allenfalls der gemeinsame Nenner, und der kann nur über eine sachliche Feststellung transportiert werden, Emotionen, Assoziationen, die “Bilder im Kopf” bleiben Konstrukte des Einzelnen.